Warum Neuseeland – oder einfach nur weg?
Warum Neuseeland? Was treibt manche Menschen aus einem der reichsten Länder der Welt ans andere Ende der Welt auf zwei Inseln im Südpazifik?
Neuseeland zieht Einwanderer aus allen Teilen der Welt an. Für Inder, Chinesen und Philippinen zum Beispiel ist Neuseeland oft nur die zweite Wahl. Sie wollen in den reichen Westen, nach Amerika, Kanada oder England auf der Suche nach unbegrenzten Möglichkeiten. Wer dort an den Einwanderungsgesetzen scheitert, versucht es eben in Neuseeland. Oft haben diese Auswanderer vorher nie was von Neuseeland gehört. Erst im Laufe ihrer Recherche nach Auswanderungsoptionen sind sie auf Neuseeland gestoßen.
Und dann gibt es natürlich auch noch die Briten, Iren und Schotten, die schon immer die Hauptquelle des Einwanderungsstroms nach Neuseeland waren. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurde Neuseeland überwiegend von Großbritannien aus bevölkert. Vorher trieb es eigentlich nur Entdecker, Walfänger, Goldsucher und andere Abenteurer nach Neuseeland. 1840 wurde Neuseeland eine Kolonie der britischen Krone. Für die Briten, die heute nach Neuseeland auswandern, ist dies daher nicht so außergewöhnlich wie es wohl für die meisten Deutschen ist. Oft haben sie Verwandte oder Freunde, die schon in Neuseeland sind. Zumindest aber können sie ein vertrautes Umfeld erwarten. Der “Kulturschock” wird sich in Grenzen halten, da Neuseeland eben britisch geprägt ist. Das Hauptmotiv für die meisten Briten ist der bessere Lifestyle, den sie in Neuseeland erwarten.
Aber wie sieht es mit den doch meist als bodenständig eingeschätzten Deutschen aus? Was treibt ca. 400 Deutsche pro Jahr nach Neuseeland? Die Suche nach einem besseren Lifestyle ist sicher auch bei den Deutschen ein wichtiges Motiv. Man hat einen schönen Urlaub in Neuseeland verlebt und hat die Kiwis um ihr Land und ihren Lifestyle beneidet. Man will einfach mal anders leben als in Deutschland. Raus aus dem Trott! Innerhalb Deutschlands ist es für viele schwer, sich zu verändern – den einmal eingeschlagenen Lebensweg umzuleiten. Da ist es oft einfacher, ans andere Ende der Welt zu ziehen, und wieder von vorne, diesmal anders, anzufangen.
Das positive Neuseelanderlebnis ist oft der Auslöser, eine solche drastische Lebensänderung herbeizuführen. In letzter Zeit tritt dies jedoch immer häufiger in den Hintergrund. Im Vordergrund steht in den letzten Jahren bei vielen einfach der Wunsch, weg aus Deutschland. Wohin ist fast zweitrangig. Hauptsache weg! Viele ziehen mit Sack und Pack um, ohne jemals vorher einen Fuß auf eine der Inseln im Südpazifik gesetzt zu haben. Man hat sich – typisch 21. Jahrhundert – im Internet informiert. Ähnlich wie in einer Internetbeziehung hat man das Gefühl, das Land schon genau zu kennen, ohne es je gesehen zu haben. Das kann – genau wie beim Traumpartner aus dem Internet-Forum – klappen oder in die Hose gehen.
Ich vermute, dass – um den Vergleich weiter zu strapazieren – ähnlich wie bei den Internetbeziehungen, die überwiegende Mehrheit einfach nur flirtet, mit dem Gedanken spielt, aber den großen Schritt dann doch nicht wagt. Es besteht also ein großes Informationsbedürfnis für Auswanderungsgeschichten. Das haben auch die Medien gemerkt und bedienen ihre Leser, Zuhörer und Zuschauer mit Schicksalsberichten “gestandener Aussteiger” (der Stern recherchiert gerade wieder dieses Thema!).
Ein weiteres Phänomen hat sich in den letzten Jahren herauskristallisiert. Die Auswanderung aus beruflichen Gründen. Die schwache Wirtschaft in Deutschland, die behördlichen Hindernisse und die hohe Arbeitslosigkeit treibt manchen dazu, sich in Neuseeland nach besseren beruflichen Möglichkeiten umzuschauen. Meist ist es nicht die Arbeitslosigkeit selber, die die Leute nach Neuseeland treibt – eher die Sorge, dass es in Zukunft noch schlechter wird oder der Wunsch, seinen Kindern eine bessere (berufliche) Zukunft in einem wirtschaftlich vermeintlich besseren Klima zu bieten. Oder man will einfach mal wieder in seinem erlernten Beruf arbeiten. In Deutschland arbeitet mancher Handwerker irgendwo als Sachbearbeiter bei einer Bank, obwohl er viel lieber an der Drehbank stehen würde. In Neuseeland wird er garantiert keinen Job bei einer Bank finden – an der Drehbank oder in anderen Handwerksberufen gibt es dagegen gute Möglichkeiten.
Trotzdem ist der Schritt vom Träumen zum Auswandern für die meisten zu groß – es bleibt eben doch beim Internetflirt – was auch verständlich ist, schließlich verlässt man ja in den meisten Fällen eine lebenslange “Beziehung”.
Einwanderung im Land der Kleinunternehmer
Neuseeland ist ein Land der Kleinunternehmer. Small Business is Big Business! Der typische Kiwi träumt davon, sein eigener Boss zu sein und viele verwirklichen ihren Traum auch irgendwann im Leben. Das spiegelt sich auch in den Zahlen wider: 86% aller Firmen haben weniger als 5 Angestellte, 96% haben weniger als 20 Angestellte und weniger als 1% neuseeländischer Unternehmen stellen 100 oder mehr Leute an!
Sich selbständig zu machen, ist nicht schwierig in Neuseeland – aus bürokratischer Sicht jedenfalls. Eine mit einer GmbH vergleichbare Firma (limited liability company) ist schnell und unkompliziert gegründet und Stammkapital in Höhe von einem Dollar ist ausreichend. Selbst als nicht ansässiger Ausländer kann man hier eine Firma unkompliziert gründen.
Man sollte meinen, dass sich dieser „entrepreneurial Spirit“, dieser Unternehmergeist, auch in der Einwanderungspolitik Neuseelands niederschlägt – also, dass ausländische Unternehmer willkommen geheißen werden. Auf den ersten Blick scheint das auch der Fall zu sein, schließlich gibt es eine eigens für Unternehmer geschaffene Einwanderungskategorie, die Entrepreneur Category. Sinn und Zweck der Entrepreneur Category ist es, ausländisches Unternehmertum, Know How und Technologie für Neuseeland zu gewinnen. Die Anforderungen sind recht streng – es reicht daher nicht aus, dass man hier einfach ein Motel oder einen Backpacker kauft. Man muss schon darlegen können, wie genau man die neuseeländische Wirtschaft bereichert. Dagegen wird man vom Prinzip her kaum etwas einwenden können. Es ist verständlich und macht Sinn, dass man sich nicht einfach nur durch den Kauf eines Geschäfts hier die Aufenthaltserlaubnis „kaufen“ kann. Das war vor ein paar Jahren mal so und führte dazu, dass die Preise der Waschsalons und Tante-Emma-Läden in die Höhe getrieben wurden.
Bei genauerer Betrachtung der Anforderungen der Entrepreneur Category stellt sich aber schnell heraus, dass es aus der Sicht des Unternehmers sehr riskant und abenteuerlich ist, sich auf die bürokratischen Pfade dieser Einwanderungskategorie zu begeben. Vom Unternehmer wird verlangt, dass er (ohne hier zu sein – und folglich mit nur sehr geringen Marktkenntnissen) einen plausiblen Geschäftsplan aufstellt. Ein überwindbares Problem, schließlich kann man sich ja beraten lassen und sich indirekt über Markt und Geschäftsgepflogenheiten informieren. Nein, das größte Problem ist die Vermischung und Vermengung von Einwanderungsambitionen mit geschäftlichen Ambitionen.
Ein vernünftiger Unternehmer würde erstmal in Neuseeland leben wollen, um vor Ort ohne Zeitdruck selbst ein Gefühl für den Markt zu bekommen und seine eigenen Kontakte knüpfen zu können. Geht leider nicht, da man eine Aufenthaltserlaubnis erst bekommt, nachdem man die Behörden überzeugt hat, dass man eine plausible und für Neuseeland vorteilhafte Geschäftsidee hat.
Ein vernünftiger Unternehmer würde wohl auch gerne die Sicherheit haben, wenn er schon Geld, Zeit und Energie in ein Geschäft in Neuseeland investiert, dass er dann auch dauerhaft hier leben darf. Geht leider auch nicht, denn man bekommt zunächst nur eine auf drei Jahre begrenzte Arbeitserlaubnis und es ist theoretisch möglich, dass man nach drei Jahren wieder nach Hause geschickt wird, weil das Geschäft – nach Ansicht der Bürokraten - nicht erfolgreich war.
Ein vernünftiger Unternehmer würde wohl auch gerne soviel Steuern sparen, wie auf legaler Basis möglich. Wahrscheinlich wird er sich aber aus einwanderungstechnischen Gründen dagegen entscheiden und seinem Steuerberater sagen, dass er soviel Steuern wie möglich zahlen möchte, schließlich soll das Unternehmen nach Ablauf der ersten drei Jahre ja so profitabel wie möglich aussehen, damit die Einwanderung genehmigt wird und er mit seiner Familie im Land bleiben darf.
Mit anderen Worten, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt, sollte man die Finger von der Entrepreneur Category lassen und versuchen, aufgrund der anderen Einwanderungskategorien einwandern – selbst wenn das bedeutet, dass man erstmal eine Weile im Angestelltenverhältnis arbeitet (auch wenn es einem als gestandener Unternehmer schwer fällt).
Es gibt aber auch einige Fallkonstellationen, bei denen es möglich ist, einzuwandern (also einen Residence Permit zu erhalten), ohne dass man einen Job in Neuseeland nachweisen muss – ideal also für Auswanderer, die sich gerne selbständig machen wollen. Hintergrund ist, dass Neuseelands Kleinunternehmer in den letzten Jahren immer wieder den Mangel an qualifizierten Arbeitskräften als Haupthindernis für schnelleres und größeres Wachstum bemängelt haben. Die Regierung hat reagiert und es wurde eine Liste von Berufen aufgestellt, die bei der Einwanderung besonders bevorzugt wird, die „Long Term Skill Shortage List“. Hier sind ein paar Fallbeispiele (nicht abschließend) wo (zurzeit) eine Auswanderung möglich ist, ohne den Nachweis eines Arbeitsplatzes in Neuseeland:
- Kfz-Mechaniker (am besten sogar Kfz-Meister), Anfang 40, mit über 10 Jahren Berufserfahrung
- Tischler (am besten Tischler-Meister), Anfang 30, mit über 6 Jahren Berufserfahrung
- Koch, Ende 40, mit über 10 Jahren Berufserfahrung
- Informatiker, Anfang 50, mit über 10 Jahren Berufserfahrung
Zu beachten ist allerdings in all den oben genannten Fällen, dass ein Englischtest bestanden werden muss und dass die Ausbildungen einem gewissen Mindeststandard entsprechen. Beides muss im Vorfeld abgeklärt werden!
Es bleibt den Mechanikern, Tischlern, Köchen und Informatikern überlassen, ob sie sich hier in Neuseeland einen Job suchen, nur noch Golf spielen oder sich selbständig machen. Wer Unternehmergeist hat, kann sich Zeit lassen und in Ruhe seine Nische suchen.
Macht Neuseeland Sinn für mich?
Die meisten Einwanderer qualifizieren sich aufgrund der sog. Skilled Migrant Category, einem Punktesystem, das Einwanderungsaspiranten je nach Ausbildung, Berufserfahrung, Alter und Jobmöglichkeiten in Neuseeland bewertet. Die nach Ansicht der Einwanderungsbehörde (Immigration New Zealand) besten Kandidaten werden ausgewählt und eingeladen, einen Antrag auf Daueraufenthaltserlaubnis (Permanent Residence) zu stellen.
Die Auswahlkriterien werden von der neuseeländischen Regierung festgelegt, je nach dem, wie viel qualifizierte Einwanderer Neuseeland gerade braucht. Es ist nahe liegend, anzunehmen, dass Neuseeland für diejenigen Sinn macht, die sich anhand dieses Punktesystems qualifizieren. Schließlich ist man ja vom neuseeländischen Staat aus einem Pool von Bewerbern ausgewählt und eingeladen worden, einen Antrag auf Permanent Residence zu stellen (sog. Invitation to Apply). Das kann jedoch u.U. ein Trugschluss sein, und zwar aus zweierlei Hinsicht. Erstens ist nicht jeder, dessen Beruf auf der von Immigration New Zealand veröffentlichten Liste genannt wird, für Neuseeland geeignet und zweitens ist nicht jeder, der sich (auf den ersten Blick) nicht qualifiziert, ungeeignet.
Im Vordergrund des Entscheidungsprozesses sollte daher die Frage stehen, ob das Leben (und Arbeiten), wie man es sich in Neuseeland vorstellt, realistisch ist. Wer hier falsche Vorstellungen und Erwartungshaltungen hat, wird später vom Leben (in Neuseeland) leicht enttäuscht und wandert u.U. wieder zurück! Die Frage, ob Neuseeland das Richtige für einen ist, lässt sich aber gar nicht so leicht beantworten. Neuseeland im Internet und Neuseeland im Urlaub sind eben nur “Schnappschüsse”, die einen begrenzten Einblick in den neuseeländischen Alltag geben. Denn eines ist sicher, der Alltag holt einen auch in Neuseeland wieder ein – trotz schöner Natur, Meerblick und freundlichen Mitmenschen!
Wer auswandert, möchte in aller Regel sein Leben und das Leben seiner Familie verbessern. Folglich hat man die Erwartungshaltung, dass das Leben in Neuseeland besser ist, als in Deutschland. Auswanderer aus wirtschaftlich schwachen Ländern sind meist bescheiden mit ihren Erwartungen und machen den großen Schritt ins Ungewisse, um ihren Kindern und den nächsten Generationen ein besseres und chancenreicheres Leben zu ermöglichen. Ganz so selbstlos sind die meisten Deutschen nicht - sie wollen ein besseres Leben für sich selber. Die Zukunft der Kinder ist schon wichtig, aber ist nur selten die einzige Motivation.
Neuseeland bietet schöne Natur, besseres Klima, weniger Menschen, freundlichere Atmosphäre, Abgeschiedenheit von den Geschehnissen der Welt und die Hoffnung von Terroranschlägen und Vogelgrippe verschont zu bleiben. Damit ist im Wesentlichen zusammengefasst, worüber sich die meisten Einwanderer – auch noch nach ein paar Jahren Neuseeland – einig sind. In den Bereichen wird die Erwartung daher nur selten enttäuscht.
In beruflicher und geschäftlicher Hinsicht klaffen Vorstellung und Realität allerdings oft auseinander. Auf der einen Seite des Spektrums gibt es die häufig vertretene Einstellung, man habe es in Deutschland geschafft, dann werde man es wohl auch im kleinen Neuseeland schaffen. Auf der anderen Seite des Spektrums gibt es die – u.a. von Immigration New Zealand geschürte – Erwartungshaltung, dass einem in vielen Berufen hier die Türen offen stehen. Beides ist leider oft falsch!
Eine gesunde Portion Selbstbewusstsein, gekoppelt mit Pioniergeist ist sicher eine gute Voraussetzung, um in Neuseeland Fuß zu fassen. Ob man in Deutschland Erfolg hatte oder nicht, interessiert hier allerdings nur selten jemanden. Was zählt, ist Erfolg in Neuseeland – und den kann man als Neuling eben noch nicht vorweisen. Besonders schlecht kommt der Lehrmeister an, der den unwissenden Kiwis am anderen Ende der Welt erklären will, wie gewisse Dinge am besten zu handhaben sind! Vieles wird in Neuseeland nämlich anders gemacht, als in Deutschland – selbst wenn die deutsche Methode doch so offensichtlich besser ist …
Aber wie steht es mit den Berufslisten, die vom Immigration Service veröffentlicht werden? Sind die dort aufgelisteten Berufe nicht gefragt? Reißen sich die neuseeländischen Arbeitgeber nicht um die gut ausgebildeten Fachkräfte aus Deutschland?
Es stimmt, dass in Neuseeland Fachkräfte gesucht werden. Das Schlagwort heißt “skill shortages”. Es vergeht kein Tag, an dem in den Medien hier nicht in irgendeiner Form über die skill shortages berichtet wird. Die Arbeitslosigkeit liegt in den letzten Jahren regelmäßig zwischen 3,4 und 4%, womit Neuseeland, im Wechsel mit Südkorea, entweder an erster oder zweiter Stelle aller OECD-Länder liegt. Die Kehrseite von nahezu Vollbeschäftigung ist allerdings, dass es in manchen Bereichen an Arbeitskräften mangelt. Die neuseeländische Regierung versucht u.a. mit den skill shortages lists gegenzusteuern. Die Listen sind umfangreich, verwirrend und werden regelmäßig erneuert – oder anders formuliert - sind eben schnell veraltet. Es wird zwischen der sog. Immediate Skill Shortage List und der Long Term Skill Shortage List (zum Teil wird auch der Begriff “absolute skills shortage area” verwendet) unterschieden.
Die Immediate Skill Shortage List ist regional unterschiedlich – also in Auckland z.B. sind Bäcker auf der Liste, während es in Wellington da scheinbar keinen Bedarf gibt. Die Long Term Skill Shortage List gilt für alle Regionen. Die Immediate Skill Shortage List dient der Vereinfachung der Work Permit Anträge (zeitlich befristete Arbeitserlaubnis), während die Long Term Shortage List darüber hinaus für Bonuspunkte sorgt (unter gewissen Voraussetzungen) bei Permanent Residence Anträgen (Daueraufenthalts- und Abeitserlaubnis). Auf der Long Term Skill Shortage List sind alleine ca. 60 Berufe aufgelistet. Auf der Immediate Skill Shortage List für z.B. Auckland sind 94 Berufe aufgelistet. Mit anderen Worten, in über 150 Berufen herrscht in Neuseeland “skills shortage”. Das ist eine Menge für ein Land mit nur 4 Millionen Einwohnern!
Wenn man sich die Listen genauer anschaut und filtert, dann reduziert sich die Liste allerdings – zumindest für Interessenten aus Deutschland – beträchtlich! Jeden einzelnen Beruf hier zu analysieren würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Stattdessen soll das Prinzip an einigen Beispielen veranschaulicht werden:
Ärzte werden in Neuseeland z.B. dringend gebraucht. Dementsprechend werden auf der Long Term Skill Shortage List gleich neun verschiedene Spezialisierungen, vom praktischen Arzt bis hin zum Chirurgen, gesucht. Problem bei der Sache ist allerdings, dass man hier in Neuseeland als deutscher Arzt nicht praktizieren darf. Man fängt – selbst als gestandener Arzt – quasi wieder bei Null an und muss in einem aufwendigen Verfahren die Registrierung beim Medical Council betreiben – eine Wissenschaft für sich!
Lehrer werden auch gesucht. Hier ist das Verfahren ähnlich wie bei den Ärzten. Man braucht eine Registrierung beim Teachers Council!
Sozialarbeiter stehen auch auf der Long Term Shortage List. Man braucht zwar keine Registrierung, allerdings werden deutsche Sozialarbeiter und Neulinge in Neuseeland kaum Chancen haben, hier einen Job zu finden, da Arbeitgeber auf neuseeländische Erfahrungen und Kenntnisse pochen.
Aufgrund des Baubooms werden in Neuseeland in vielen Regionen auch Bau-Projektmanager gesucht. Aber auch hier werden sich nur die wenigsten Arbeitgeber auf deutsche Bewerber einlassen, da es einfach an Neuseelanderfahrung fehlt. Das gilt übrigens für die meisten Manager-Jobs. Es gibt in Neuseeland zwar einige Top-Manager aus dem Ausland, allerdings werden die in der Regel von internationalen Recruitment Companies (Personalbeschaffungsagenturen) aus dem englischsprachigen Ausland rekrutiert.
Trotz aller Vorbehalte hinsichtlich der von Immigration New Zealand veröffentlichten Listen, sind aber nicht alle deutschen Berufe unbrauchbar. Aus meiner Erfahrung gilt folgende Faustregel, eine Art Dreiteilung:
- Handwerksberufe: In den meisten Handwerksberufen findet man in Neuseeland Arbeit. Verdienen kann man im angestellten Verhältnis zwischen NZ$ 13 und NZ$ 25 brutto. Das ist nicht viel, aber für die, die fest entschlossen sind und Neuseeland als Ihre neue Heimat auserkoren haben, wenigstens ein Anfang bevor, man sich dann später vielleicht selbständig macht, mit besseren Verdienstmöglichkeiten.
- IT Berufe: Arbeit gibt es auf jeden Fall, allerdings ist es schwieriger, als in den Handwerksberufen, dies in einen Arbeitsvertrag umzumünzen. Viele Arbeitgeber bevorzugen englischsprachige IT-Spezialisten und sind oft nicht bereit, sich auf langfristige Verträge einzulassen, die man für die Einwanderungsformalitäten braucht.
- Der Rest: Für fast alle anderen Berufe gilt (vielleicht ausgenommen manche Berufe im Tourismus und in der Landwirtschaft), wer nicht bereit und in der Lage ist, sich beruflich umzuorientieren, der sollte seine Neuseelandpläne noch mal überdenken.
Aufgrund der großen Frustration in Deutschland mit dem dortigen Gesundheitssystem sei hier noch kurz Stellung bezogen zu den Krankenpfleger- und Arztberufen. Wie schon erwähnt, ist hier die berufliche Zulassung eine echte Hürde, die übersprungen werden muss – allerdings denen, die den Aufwand nicht scheuen und sehr gute Englischkenntnisse haben (wichtige Voraussetzung für die berufliche Zulassung) sei hier versichert, dass es auf jeden Fall Arbeit für Ärzte und Krankenschwestern gibt. Mit Zulassung und Job ist dann auch die Einwanderung möglich!
Wichtig, bei der Frage, ob eine Auswanderung nach Neuseeland für einen in Betracht kommt, ist natürlich auch die Frage, wie viel Geld braucht man als Startkapital?
Die Gehälter in Neuseeland sind (in der Regel) niedriger als in Deutschland, insbesondere wenn man neu anfängt. Allerdings kommen die meisten wiederum mit weniger aus, als in Deutschland. Wie viel Geld man braucht, ist individuell sehr unterschiedlich. Die folgenden drei Szenarien veranschaulichen, wie Kapital weiterhelfen kann.
NZ$ 1,5 Millionen (ca. 800.000 Euro) und mehr: Das ist der Idealfall. Die meisten Einwanderer finden für $ 500.000 ein sehr ansprechendes Haus in Neuseeland. Die restliche Million kann man dann hier auf der Bank in sichere Festgeldanlagen investieren. Die Bankzinsen sind, verglichen mit Europa, hoch, so dass man auf jeden Fall mit einem Zinsertrag von 7% rechnen kann. Im Jahr hätte man dann ein Bruttoeinkommen von $ 70.000, was deutlich über dem neuseeländischen Durchschnittseinkommen liegt. Insbesondere, wenn man keine Kosten für die Wohnung hat, können die meisten Familien von $ 70.000 im Jahr bequem leben.
Man kann sich ein Haus leisten: Wohnen ist, gemessen an den Gehältern hier, relativ teuer, weil die Hypothekenzinsen hoch sind. Das macht sich nicht nur bei der Finanzierung eines Hauses bemerkbar, sondern auch bei den Mieten. Wer daher genug Kapital mitbringt, um sich hier ein Haus kaufen zu können, der hat den größten Kostenfaktor in Neuseeland ausgeschaltet. Man kommt dann besser mit einem Gehalt zwischen $ 40.000 und $ 50.000 aus. Häuser kosten hier, je nach Lage, zwischen $ 200.000 und $ 500.000.
Wer kein oder nur wenig Geld mitbringt, hat es schwerer und sollte sich fragen, warum er nach Neuseeland auswandern will. Wer, wie viele, dem Stress in Deutschland entfliehen will, der kommt u.U. vom Regen in die Traufe. Was nützt einem die schönste Aussicht, wenn man jeden Tag darum kämpfen muss, zu überleben! Trotzdem lassen sich viele – auch mit wenig Geld – auf das Abenteuer Neuseeland ein, weil der Drang, weg aus Deutschland, einfach zu groß ist. Manchen reicht eben schon ein freundlicheres Arbeitsklima, um glücklich zu werden.
Wer sich also oben wieder erkennt, für den könnte Neuseeland als neue Heimat in Betracht kommen – vorausgesetzt natürlich, die bürokratischen Einwanderungshürden werden
Einwanderung nach Neuseeland, ohne jemals vorher einen Fuß auf eine der beiden Inseln gesetzt zu haben?
Kann der Heimatfrust wirklich so stark sein, dass man einfach seine Koffer packt und abhaut? Ohne die neue Heimat vorher wenigstens mal besucht zu haben? Wie lässt sich das denn mit dem sprichwörtlichen Sicherheitsdenken der Deutschen vereinbaren?
Diese Fragen stelle ich mir in letzter Zeit immer häufiger, denn immer weniger wollen hören, dass sie erstmal herkommen und sich das Land anschauen sollen, bevor sie auswandern. Das ist zwar grundsätzlich immer noch mein Rat, aber ich habe von den Kurzentschlossenen gelernt, dass man sich auch aus der Ferne ein Bild machen kann, wie einer meiner Kunden, der mir sagte er habe mein Haus sofort erkannt, denn er habe es ja schon vom Satteliten aus –via Google Earth – gesehen.
Aber können das virtuelle Internet und Google Earth wirklich den realen Neuseelandbesuch ersetzen? Vom Erlebnis- und Urlaubswert her wohl kaum – aber vielleicht ist ja doch was dran, wenn manche behaupten, sie hätten sich bestens über das Internet informiert und wüssten, was sie erwarte. Schließlich weiß man ja auch nach einem vierwöchigen oder noch kürzeren Neuseelandurlaub noch nicht, wie das wirkliche Leben, der Alltag, in Neuseeland aussieht. Die meisten Neuseelandurlauber kommen zu dem Ergebnis, dass die Landschaft und Natur traumhaft, die Menschen freundlich und umgänglich sind und dass hier ein anderes Lebenstempo herrscht – alles Dinge, die man auch im Internet lesen kann… Wie das wirkliche Leben hier ist, weiß man erst hinterher – nachdem man ausgewandert ist – mit oder ohne Neuseelandurlaub zum Kennen lernen!
Ich habe das schon mehrfach miterleben können, die scheinbar unmöglichen Fälle werden zu Erfolgsgeschichten. Hier ist ein Beispiel aus der Praxis: So gut wie keine Englischkenntnisse, noch nie in Neuseeland gewesen, erwachsene Kinder und keine dicke Kapitaldecke. Manch einem wird die Geschichte bekannt vorkommen, denn es handelt sich um die Familie, die mit Kabel 1 nach Nelson ausgewandert ist. Im Brennpunkt der Kamera wurden Schwächen wie zum Beispiel mangelnde Sprachkenntnisse gnadenlos offen gelegt. Der Zuschauer, in der Sicherheit seines gemütlichen Wohnzimmers, fasst sich an den Kopf und fragt sich, wie kann man nur so naiv und unvorbereitet sein! Klar, dass da alles schief laufen muss!
Wie konnte so was doch noch gut gehen? Die Antwort liegt in der Erwartungshaltung der Auswanderer. Die Familie, die nach Nelson auswanderte, hatte keine großen, vorgefertigten Erwartungen!
Auf dem Weg nach Neuseeland gibt es viele Entscheidungen zu treffen. Die wichtigste Engscheidung ist aber die erste – „will ich, oder wollen wir als Familie, wirklich nach Neuseeland auswandern?“ Das hört sich banal an – aber nur allzu leicht kann man im Vorbereitungswahn des Einwanderungsprozesses den Fokus aufs Wesentliche verlieren. Nach mehrfachen Neuseelandbesuchen und mit exzellenten Englischkenntnissen ist man leicht dem Trugschluss erlegen, dass man weiß, was einen erwartet, dass man weiß, man wird hier gebraucht und dass man sich auskennt. Man hat ja schließlich das ganze Land von Nord nach Süd abgefahren und erkundet, man hat neuseeländische Freunde gewonnen, die einen alle in den Auswanderungsplänen bestärken. Man hat die Zeitungsanzeigen gesehen, wo Jobs in Hülle und Fülle angeboten werden und man fühlt sich – schlicht und einfach schon richtig zu Hause.
Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: an der beschriebenen Vorgehensweise ist überhaupt nichts auszusetzen! Im Gegenteil, es ist gut, hier Kontakte zu haben und das Land und die Landschaft mit eigenen Füssen erkundet zu haben. Aber was ist, wenn einem die rosarote Brille plötzlich abgenommen wird, wenn man sieht, dass man hier auch nur mit Wasser kocht und dass die Kenntnisse, die man hat und die doch in Neuseeland angeblich gebraucht werden, überhaupt nicht gewürdigt werden?
Der Eindruck, dass man hier gebraucht wird, dass die Spezialkenntnisse, die man in Deutschland erworben hat, hier geschätzt werden, entsteht leicht aufgrund der Werbung der Einwanderungsbehörde, Immigration New Zealand, und mancher Beraterfirma. Realistischer ist aber in den meisten Fällen, eher die Erwartungshaltung, dass man hier wieder ganz von vorne und meist ganz unten anfängt. Wer sich da nichts vormacht, wird selten enttäuscht – und wenn es dann besser läuft als erwartet, ist das ja auch kein Fehler.
Und das ist der gemeinsame Nenner der meisten erfolgreichen Auswanderungen nach Neuseeland – egal ob man schon hier war oder nicht. Wer nicht zuviel erwartet, wird selten enttäuscht und wer weiß, dass er selbst unter Inkaufnahme von großen Schwierigkeiten trotzdem unbedingt in Neuseeland leben will, wird in der neuen Heimat in der Regel auch glücklich. Das kann dann sogar dazu führen, dass der Arbeitgeber in Nelson mich anruft und fragt, ob ich nicht noch einen von der Sorte für seine Firma hätte …
Die größte Einwanderungsreform seit 20 Jahren
Ist das wirklich so – oder wird die vom neuseeländischen Einwanderungsminister, David Cunliffe im Juni 2007 angekündigte Reform politisch nur heißer gekocht, als es dann in der Praxis gegessen wird?
Heiß gekocht wird in der Tat, denn das seit 1987 im Wesentlichen unveränderte Einwanderungsgesetz, der Immigration Act, wird neu geschrieben. Insoweit ist das in der Tat eine erhebliche Reform. Eine andere Frage ist allerdings, ob sich das auch in der Praxis auswirkt, denn der Immigration Act bildet lediglich die gesetzliche Grundlage für die eigentlichen Einwanderungsvorschriften. Die Frage, ob Sie und Ihre Familie nach Neuseeland rein gelassen werden oder nicht, wird nämlich auf Verwaltungsebene gestellt und beantwortet. Der Gesetzgeber gibt nur einen gesetzlichen Rahmen vor, innerhalb dessen das Einwanderungsministerium dann die Verwaltungsvorschriften erlässt - die eigentlichen Einwanderungsvorschriften.
Der 1987 in Kraft getretene Immigration Act war allerdings in der Tat etwas ganz Heißes, denn in den 70er und 80er Jahren waren Einwanderer in Neuseeland nicht willkommen. Ausgelöst durch die Ölkrise und den Beitritt Englands in die EU kam es zu einer schweren Wirtschaftskrise in Neuseeland. Insbesondere der Beitritt Englands in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft im Jahre 1973 war ein schwerer Schlag für Neuseeland. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts war Neuseeland quasi der Vorgarten Englands. Ohne Zollbarrieren konnte Neuseeland seine landwirtschaftlichen Produkte nach England einführen und entwickelte sich zu einem der reichsten Länder der “westlichen“ Welt. Mit Beitritt Englands in die EWG galten dann auf einen Schlag (im Wesentlichen) die gleichen Zolltarife wie für andere Mitgliedsstaaten. Die bequemen Profite aus landwirtschaftlichem Export schmolzen dahin. Arbeitslosigkeit machte sich breit – und damit auch die Auffassung, dass man auf keinen Fall Ausländer braucht, die den Neuseeländern die Arbeitsplätze wegnehmen könnten.
1974 wurden von der damaligen Labour Regierung die Türen zugemacht – auch das war heiß, denn es bedeutete, dass die Engländer nicht mehr ohne weiteres in Neuseeland leben durften. In den Jahren davor konnte jeder Engländer nach Neuseeland ziehen – er brauchte noch nicht mal einen Reisepass! 1974 hat Neuseeland sich also endgültig von England abgenabelt!
In den darauf folgenden Jahren – und nach einer weiteren Wirtschaftskrise in den 80ern begriff man, dass Einwanderung durchaus positive Aspekte haben kann. Mit dem 1987er Immigration Act wurden die Türen wieder geöffnet – diesmal aber nicht nur den Pommies (wie die Engländer hier heißen), sondern der ganzen Welt. Auf der Basis des Immigration Acts wurde ein Punktesystem – und damit ein Quotenmanagement System – geschaffen, anhand dessen sich Einwanderer aus aller Welt für ein Leben in Neuseeland qualifizieren konnten.
Daran hat sich vom Prinzip her bis heute nichts geändert. Lediglich das Quotenmanagement System wurde alle paar Jahre neu erfunden, um dem jeweiligen politischen Zeitgeist gerecht zu werden. Auch die heiß aus dem politischen Backofen gezogene “größte Einwanderungsreform seit 1987“ wird daran nichts ändern. Nach wie vor werden Einwanderungsaspiranten je nach Alter, Ausbildung, Berufserfahrung und Chancen auf dem neuseeländischen Arbeitsmarkt ausgewählt werden. Über die Jahre ist das System immer komplizierter geworden – jetzt verspricht man Vereinfachung; aber das wurde bei den früheren Reformen auch immer schon versprochen!
Einzelheiten stehen noch nicht fest und werden erst im Laufe des Jahres nach und nach angekündigt und eingeführt. Die Haupteinwanderungskategorie, die Skilled Migrant Category, wird von der Struktur her unverändert bleiben. Änderungen werden sich wohl eher als “Finetuning“ herausstellen. Die größten Änderungen scheint es im Bereich der Unternehmer- und Investor-Kategorien zu geben. Man hat dem Kind auch schon einen Namen gegeben: Active Investor Migrant Policy. Man will versuchen, mehr Unternehmer und Investoren für Neuseeland zu gewinnen. Das sollte nicht schwierig sein, denn die seit 2005 geltende Investor Category war so schlecht, dass nur 18 Antragsteller sich meldeten (ich hatte keinen einzigen unter meinen Kunden). Ob die neue Policy viel besser ist, bezweifele ich, da auch hier wieder viel bürokratische Kontrolle über die Art der Investition, bzw. unternehmerische Tätigkeit ausgeübt werden soll – ein “rotes Tuch“ für die meisten Unternehmer. Mein Rat wird daher vermutlich unverändert sein: auch Unternehmer und Investoren sollten versuchen, über andere Kategorien einzuwandern!
Für wen sich in den letzten Absätzen die heiße Reform noch nicht genug abgekühlt haben sollte, dem sei empfohlen, in den nächsten Monaten an gleicher Stelle mehr kühle Worte zu suchen, die das Einwanderungsrecht genießbarer machen
Die größte Einwanderungsreform seit 20 Jahren aufgeschoben oder aufgehoben?
Die im Juni 2007 angekündigte größte Einwanderungsreform seit 20 Jahren wird nun langsam implementiert. Am 26. November 2007 sollte es soweit sein. Es sollte die Active Investor Migrant Policy und das “Finetuning“ der Skilled Migrant Category in Kraft treten. Ein paar Tage vorher wurden die Einzelheiten mit Fanfare publik gemacht – es war die Rede von einer Vereinfachung gewisser Regelungen. Ich muss allerdings gestehen, dass ich bei der Lektüre der so genannten Vereinfachungen Verständnisschwierigkeiten hatte. Ich beschloss daher, ein genaueres Studium der Gesetzesänderungen auf später zu verschieben. Entgegen dem Motto, „aufgeschoben ist nicht aufgehoben“, war dies ausnahmsweise mal eine weise Entscheidung, denn kurz vor Inkrafttreten wurden die angekündigten Änderungen hinsichtlich der Skilled Migrant Category kurzfristig wieder aufgehoben – es gelten also wieder die alten Regeln! Vorerst jedenfalls, denn am 4. Februar 2008 sollen die Regeln dann doch in Kraft treten, mit kleinen Modifizierungen. Als Grund wurden “technische Schwierigkeiten“ vorgegeben – ohne näher zu definieren, welche technischen Schwierigkeiten und wieso überhaupt “technisch“?
Spaß und Zynismus beiseite, zusammenfassend lässt sich sagen, dass es auch im Februar im Wesentlichen bei den zunächst verkündeten Änderungen bleiben wird. Neben kleineren Veränderungen der Punktebewertung wurde die Definition des Begriffs “skilled employment und die Voraussetzungen der Anerkennung ausländischer Ausbildungen leicht modifiziert Mal von wenigen Ausnahmen abgesehen, sollte das keinen nennenswerten Einfluss auf den Ausgang laufender oder geplanter Einwanderungsanträge haben. Die genauere Kommentierung der Einzelheiten werde ich aufschieben - auf Februar 2008, um sicher zu gehen, dass die Regeln dann auch Gültigkeit haben.
Weder aufgeschoben, noch aufgehoben ist allerdings die Einführung der neuen Active Investor Migrant Policy und deswegen lohnt es sich auch hier, dazu Stellung zu nehmen. Eins sei vorweggenommen: die neue Investor Category ist besser, als die alte! Aber das war ja auch nicht schwer, wie der regelmäßige Leser meiner Kolumnen weiß. Um es nicht allzu einfach zu machen, wurden auch gleich drei Investor Kategorien eingeführt, die Global Investor Category, die Professional Investor Category und die General (Active) Investor Category. Die ersten beiden Kategorien wenden sich an Investoren, die bereit sind, Kapital in Höhe von mindestens 20 bzw. 10 Millionen NZ Dollar (also ungefähr EUR 10.8 bzw. 5.4 Mio) zu investieren. Ich gehe davon aus, dass unter meiner Leserschaft nur wenige in diese Kategorien fallen, so dass ich mich der Einfachheit halber auf die General (Active) Investor Category beschränke. Dafür braucht man aber immerhin auch ein Mindestkapital von NZ$ 3.5 Mio (cirka EUR 1.89 Mio).
Kandidaten, die das Mindestkapital nachweisen können, werden (wie bei der Skilled Migrant Category) mit Hilfe einer Punktebewertung ausgewählt. Punkte gibt es für Alter, Jahre an Geschäftserfahrung, Art der Geschäftserfahrung, Investmenthöhe (man kann auch mehr als das Minimum investieren, was mit Zusatzpunkten belohnt wird) und Art des Investments.
Ohne in die (für viele Leser langweiligen) Einzelheiten zu gehen, seien folgende Anmerkungen gemacht. Nicht jede Investition wird im Einwanderungsverfahren anerkannt – insbesondere, das Geld einfach in Festgeldanlagen einer neuseeländischen Bank zu legen, wird nicht ausreichen! Allerdings sind zum Beispiel neuseeländische Investment Fonds zulässige Anlageformen. Das Kapital muss dann 4 Jahre in der (oder einer vergleichbaren) Anlageform investiert bleiben. Von den $ 3.5 Millionen Mindestkapital kann man 1 Million zu privaten Zwecken verwenden (also z.B. Haus- und Autokauf etc.).
Pro Jahr werden 1000 Plätze für Investoren-Einwanderer freigehalten. Wer über das nötige “Kleingeld“ verfügt, hat keinen Grund mehr, die Entscheidung, nach Neuseeland auszuwandern, weiter aufzuschieben. Die General Investor Category bringt die Möglichkeit, sich mit sinnvollen Anlagen in Neuseeland eine Einwanderung zu “erkaufen“.
Auswanderungsboom?
Es ist soweit – die Fernsehrealität hat ihre Eigendynamik entwickelt. Die Kamera ist nicht mehr nur Zeuge sondern mittlerweile auch Generator von Auswanderungsgeschichten. Der Zuschauer fühlt sich durch die Fernsehgeschichten animiert und wird immer häufiger selber zum Auswanderer – nach dem Motto: wenn die das schaffen, dann können wir das auch! Kein Wunder bei der Anzahl der Auswanderersendungen. Mangels deutscher Fernsehzeitschriften in Neuseeland bin ich nur unzureichend über das tatsächliche Ausmaß informiert – aber aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Kabel 1 bis zu zwei Sendungen pro Woche über Auswanderer ausstrahlt – und dann gibt es ja noch RTL und SAT, die wohl auch die Auswanderungswelle abreiten. Bei all dem Medieninteresse sollte man meinen, dass Neuseeland von deutschen Einwanderern überflutet wird! Die tatsächlichen Zahlen beweisen aber das Gegenteil – Deutschland wird mit zwischen ein und zwei Prozent mal gerade so von den Statistiken erfasst. Großbritannien bringt mit über zwanzig Prozent immer noch die meisten Einwanderer nach Neuseeland. Es ist unwahrscheinlich, dass jemals so viele Deutsche das Land nach Übersee verlassen, wie im benachbarten Vereinigten Königreich – und die Erklärung ist einfach und einleuchtend. Aufgrund der Kolonialgeschichte war und ist Neuseeland für Engländer so wie eine zweite Heimat. Ich vermute daher, dass in Großbritannien Sendungen über Auswanderer nicht das gleiche Interesse finden wie in Deutschland.
Ob man aus England, China oder Deutschland kommt – es gelten die gleichen Einwanderungsregeln. Die Regeln im Detail darzustellen, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Ich möchte daher heute nur zu zwei wesentlichen Eckpunkten im Einwanderungsverfahren Stellung nehmen: Englischkenntnisse und Arbeitsangebot.
Dass gute Englischkenntnisse hilfreich sind, ist ein “no brainer“, wie man hier sagen würde – es ist offensichtlich! Es geht aber auch mit beschränkten Kenntnissen. Zwar wird für die eigentliche Einwanderung (Residence Permit oder Daueraufenthaltserlaubnis) ein Englischtest verlangt, der sehr anspruchsvoll ist, man kann diesen aber in der Regel umgehen, wenn man hier in Neuseeland zunächst mindestens ein Jahr mit einer befristeten Arbeitserlaubnis (work permit) arbeitet. Es macht Sinn, schon vor der Auswanderung in Deutschland Englischkurse zu belegen. Wer nicht schon sehr gut Englisch spricht wird es aber auch trotz des Unterrichts schwer haben, den Test zu bestehen. Erfolgversprechender ist da schon der Sprung ins kalte Wasser – auf der Arbeit lernt sich die Sprache besser und schneller als auf der Schulbank!
Auch ein Job Offer hilft natürlich bei der Einwanderung. Und auch hier gilt – es geht unter Umständen aber auch ohne – allerdings nur für die Kandidaten, die den Englischtest bestehen! Wer den Englischtest nicht besteht, muss zwangsläufig über den Umweg eines Work Permits gehen! Hier sind ein paar Fallkonstellationen (nicht abschließend), wo es auch ohne Job Offer gehen kann:
- 48-jähriger Wirtschaftsinformatiker mit über 10 Jahren relevanter Berufserfahrung
- 29-jähriger Schreiner mit mindestens 6 Jahren relevanter Berufserfahrung
- 39-jähriger Diplombetriebswirt mit mindestens 6 Jahren relevanter Berufserfahrung, verheiratet mit einer Diplomsozialpädagogin. Beide müssen den Englischtest bestehen!
- 48-jähriger Doktor in Geschichte mit über 10 Jahren relevanter Berufserfahrung, verheiratet mit einer Köchin (mit Meisterbrief). Beide müssen den Englischtest bestehen!
In allen Beispielen ist es zurzeit (Stand 24. Oktober 2007) möglich, einen Residence Permit ohne Job Offer zu erhalten. In den ersten beiden Beispielen bestehen darüber hinaus auch gute Chancen auf dem neuseeländischen Arbeitsmarkt, so dass eine Jobsuche mit dem Residence Stempel in der Tasche gute Aussichten auf Erfolg haben sollte. In den letzten beiden Beispielen ist die Jobsuche selbst mit dem Residence Permit im Pass sehr viel schwerer (mal abgesehen von der Köchin), so dass genügend finanzielle Mittel zur Verfügung stehen sollten, um sich hier eine neue Kariere zum Beispiel in der Selbständigkeit aufbauen zu können oder gar um sich zur Ruhe zu setzen.
Alle Beispiele sind ein Zeichen dafür, dass die Türen momentan weit offen stehen für alle die, die sich von der Aufbruchstimmung im Fernsehen haben anstecken lassen.
Arbeitskräftemangel und Inflation
Ab 04. Februar 2008 gelten neue Einwanderungsregeln für die sog. Skilled Migrant Category, die Einwanderungskategorie, die für die meisten Einwanderungskandidaten in Betracht kommt. Einen Tag später kursiert die Meldung durch die neuseeländischen Medien, dass im letzten Jahr 28.000 Kiwis nach Australien ausgewandert sind. Dieser “Exodus“ qualifizierter Kräfte wird allgemein bedauert, da es in Neuseeland ja an solchen mangelt. Es gibt aber auch Stimmen, die darin eine positive Bereicherung für Neuseeland sehen, denn Kiwis im Ausland (expats oder expatriats genannt) bilden ja schließlich ein gutes Netzwerk für international operierende Firmen in der Heimat. Außerdem seien die Expats, die nach einigen Jahren wieder nach Neuseeland zurückkehren (im letzten Jahr immerhin 8.500) in der Regel um viele nützliche Erfahrungen und Kontakte reicher, was Neuseeland letztendlich auch zugute kommt.
Wie immer man auch diese Situation einschätzt, man sollte meinen, dass die Tore für Einwanderer geöffnet werden, um den Verlust qualifizierter Kräfte nach Australien auszugleichen. Die Rechnung ist allerdings nicht ganz so simpel, denn ein anderer volkswirtschaftlicher Aspekt soll auch Berücksichtigung finden: Inflation! Seit Jahren schon steigen insbesondere die Hauspreise in Neuseeland in Höhen, die für viele Neuseeländer nicht mehr erschwinglich sind. Das Haus ist für den Neuseeländer das, was für den Deutschen sein Auto ist – mit anderen Worten politisch ganz heiß. Ein Grund, warum die Hauspreise hochgehen, ist die von Einwanderern generierte Nachfrage nach Häusern und Unterkunft. Die Regierung kann die Nachfrage beeinflussen, indem sie die Quote der Einwanderer, die pro Jahr rein gelassen werden, verändert. Im Juli 2007 hat die Regierung die Quote von jährlich 47.000 bis 52.000 auf 45.000 bis 50.000 runtergeschraubt, in erster Linie, um die Inflation unter der Zielvorgabe von 3% zu halten.
Das Dilemma, dass auf der einen Seite mehr (qualifizierte) Einwanderer gebraucht werden und auf der anderen Seite damit die Inflation geschürt wird, versucht das Einwanderungsministerium durch die Einführung immer spezifischerer Auswahlkriterien zu lösen. Die am 04. Februar in Kraft tretenden Änderungen sind das Resultat dieses Versuchs. Bei der Ankündigung der Reform letztes Jahr wurde diese als Vereinfachung der Regeln verkauft – das ist gelinde gesagt eine Verdrehung der Tatsachen!
Zwar beschränken sich die Änderungen im Wesentlichen auf zwei Einzelaspekte des Einwanderungsrechts - die Definition von “skilled employment“ (qualifizierte Arbeit) und auf die Frage, welche Ausbildungen anerkannt werden – übersichtlicher und damit einfacher ist das System damit aber nicht geworden. Um herauszufinden, ob der Job, den man hier angeboten bekommen hat, “skilled employment“ ist oder nicht, muss man diverse nicht ohne weiteres zugängliche Listen zu rate ziehen und man sollte auch wissen, wie seine Ausbildung hier von der NZQA (New Zealand Qualifications Authority) bewertet wird.
Ich möchte hier, um den Rahmen dieses Artikels nicht zu sprengen, die Komplexität einfach nur mal an einem Beispiel veranschaulichen: In der Englischen Sprache gibt es für den Beruf des Kochs zwei Bezeichnungen: Chef und Cook. Die meisten Köche würden sich in Neuseeland als Chefs bezeichnen, wenn sie danach gefragt werden, und zwar unabhängig davon, ob sie Anfänger in ihrem Beruf sind oder schon nach französischem Standard Chef de Partie. Der Übergang im allgemeinen Sprachgebrauch ist also fließend. Die Einwanderungsbürokratie macht die Unterschiede allerdings zu entscheidenden Faktoren im Einwanderungsprozess. Per Definition (laut maßgeblichem Australian and New Zealand Standard Classification of Occupations, eine 845-seitige Liste!) ist ein Chef jemand, der das Kochen organisiert und plant, während ein Cook sich mit dem eigentlichen Kochen beschäftigt. Der feine Unterschied kann darüber entscheiden, ob ein Job skilled employment ist oder nicht.
Wer böse Überraschungen vermeiden will sollte vor Einreichung des Residence Antrages daher genau prüfen, ob seine Arbeit auch tatsächlich den Anforderungen des “skilled employments“ entsprechen. Das gilt übrigens auch für die, die hier schon mit einem Work Permit arbeiten, denn die Tatsache, dass die Einwanderungsbehörden einen Work Permit (befristete Arbeitserlaubnis) erteilt haben, ist keine Garantie, dass diese Arbeit auch als skilled employment eingestuft wird.
Zurück zum Thema: Die Einwanderungsflut (und damit in gewissem Masse auch die Inflation) wird mit Sicherheit dadurch ein wenig eingedämmt, dass einige Einwanderer über die Komplexität der Regeln stolpern und nicht nach Neuseeland kommen. Ob damit aber der Arbeitskräftemangel behoben werden kann, wage ich zu bezweifeln. Oder um das obige Beispiel weiterzuspinnen – ein deutscher Koch (mit einer Ausbildung, die die NZQA mit nur Level 3 bewertet hat) mit gehobener Berufserfahrung wird es unter Umständen schwer haben, zum Beispiel auf Grund von Sprachbarrieren, hier gleich eine gehobene (planende) Tätigkeit (als Chef) zu finden. Er wird sich daher sagen, dass er eben erstmal wieder von unten (als Cook) anfängt, um sich langsam hochzuarbeiten. Das macht sicher Sinn und trägt mittel- bis langfristig sicher auch dazu bei, den Arbeitskräftemangel zu beheben – nur einen Residence Permit wird er auf der Basis nicht bekommen!
Vielleicht hat sich die neuseeländische Bürokratie ja auch ganz einfach nur an das deutsche Sprichwort – „viele Köche verderben den Brei“ – sprich „erhöhen die Inflation“ erinnert…
Bearbeitung durch NG